Wie viel Landschaft braucht ein Bild, damit wir darin Landschaft erkennen?

Eine Horizontlinie. Eine große Farbfläche. Vielleicht die Silhouette eines Schiffes oder ein paar Pfähle im Wasser. Oft reichen wenige Hinweise und unser Kopf ergänzt den Rest. Genau das fasziniert mich an moderner Landschaftsmalerei. Sie muss einen Ort nicht möglichst genau abbilden. Sie kann reduzieren, übertreiben, verschiedene Eindrücke miteinander verbinden und trotzdem dieses unmittelbare Gefühl von Weite, Wasser oder Küste entstehen lassen.

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Meer und Küste Künstler*innen seit Jahrhunderten beschäftigen. Kaum eine Landschaft wirkt auf den ersten Blick so einfach – Wasser, Himmel, Horizont – und bietet gleichzeitig so viele Möglichkeiten, mit Fläche, Tiefe, Licht und Bewegung zu arbeiten.

Für mich kommt eine persönliche Verbindung hinzu: Ich bin in Lübeck aufgewachsen und habe viel Zeit an der Ostsee verbracht. Das Meer war für mich immer vor allem ein Raum der Freiheit.

Heute betrachte ich Küsten allerdings anders als früher. Mein Blick bleibt an Perspektiven und Strukturen hängen: an einer Seebrücke, die ins Wasser führt, an Pfählen und Bojen oder an der Silhouette kleiner Orte, die sich entlang einer Bucht in der Ferne fortsetzt.

Solche Beobachtungen sind häufig der Anfang eines Bildes. Was daraus auf der Leinwand entsteht, muss mit dem ursprünglichen Ort allerdings nicht mehr viel zu tun haben.

Warum Meer und Küste besondere Bildräume sind

Am Meer treffen Gegensätze unmittelbar aufeinander: Weite und Begrenzung, Ruhe und Bewegung, Fläche und Tiefe.

Der Horizont gibt dem Blick zunächst eine klare Ordnung. Gleichzeitig liegt dahinter etwas Offenes und nicht Sichtbares. Wasser verändert sich ständig, Wolken ziehen auf, Licht verschiebt Farben und Konturen. Schon wenige Elemente können die Wahrnehmung eines Bildes vollkommen verändern.

Und dann sind da die Spuren des Menschen.

Wege führen zum Wasser. Molen und Seebrücken schieben sich in die Fläche. Pfähle setzen einen Rhythmus. Bojen markieren Positionen, Schiffe ziehen ihre Routen. An der Küste begegnen sich Natur und menschliche Ordnung auf engem Raum.

Genau diese Verbindung interessiert mich.

Denn obwohl Landschaft auf den ersten Blick weit entfernt von meinen Stadtbildern zu sein scheint, entdecke ich beim Malen viele der gleichen Themen wieder: Linien und Perspektiven, Bewegung und Stillstand, Verdichtung und Weite, Struktur und Offenheit.

Das Motiv hat sich verändert. Die Fragen dahinter sind erstaunlich ähnlich geblieben.

Wie viel Gegenständlichkeit braucht eine Landschaft?

Beim Malen interessiert mich zunehmend die Grenze zwischen Erkennen und Offenlassen.

Wie genau muss ein Schiff gemalt sein, damit wir darin ein Schiff sehen? Wann wird eine Linie zum Horizont? Und wann genügt eine Farbfläche, damit wir sie als Wasser wahrnehmen?

Meine Landschaftsbilder bleiben gegenständlich lesbar. Gleichzeitig möchte ich nicht alles festlegen.

Deshalb treffen klare perspektivische Linien auf expressive Himmel, erkennbare Motive auf freie Spuren und Collagefragmente. Manche Formen sind deutlich, andere verschwinden unter Farbschichten oder lösen sich an ihren Rändern auf.

Das Gesehene ist dabei nur der Ausgangspunkt.

Ein konkreter Ort kann sich während des Malens verändern, verschiedene Erinnerungen können zusammenkommen und Materialien etwas ins Bild bringen, das vorher gar nicht geplant war. Die Landschaft wird damit weniger zum Abbild eines bestimmten Ortes als zu einem neuen Bildraum.

Und genau dort wird moderne Landschaftsmalerei für mich interessant: wenn wir noch etwas wiedererkennen – aber nicht mehr alles erklärt bekommen. Für mich liegt darin auch eine besondere Qualität zeitgenössischer Landschaftsmalerei: Sie lässt Raum für die eigene Wahrnehmung.

Von französischen Strandhütten zu einer neuen Landschaft

Ein Bild aus meiner Serie Drift & Direction zeigt ziemlich gut, wie das bei mir funktioniert.

Sein Ausgangspunkt liegt einige Jahre zurück. An der französischen Atlantikküste waren mir bunte Strandhütten aufgefallen. Ihre klaren Formen und Farben vor der offenen Küstenlandschaft haben mich fasziniert, und ich habe damals eine ganze Reihe von Fotografien gemacht.

Danach passierte erst einmal: nichts.

Die Fotos blieben liegen. Die Strandhütten aber offenbar nicht ganz.

Als ich mich Jahre später wieder intensiver mit Landschaft und Küste beschäftigte, tauchten sie erneut auf. Nur wollte ich nicht die französische Atlantikküste nachmalen.

Im Bild verbinden sich die Hütten deshalb mit Elementen, die ursprünglich gar nicht zu diesem Ort gehören. Unter den Farbschichten liegen Pflanzenformen aus Gel-Prints. Dazu kommen Collageelemente und Fragmente alter Plakate. Teile davon bleiben sichtbar, andere sind nur noch zu erahnen.

Dadurch treffen unterschiedliche Welten aufeinander: Natur und menschliche Gestaltung, Erinnerung und gegenwärtiger Malprozess, ein konkretes Motiv und abstrakte Spuren.

Gerade die Plakatreste interessieren mich dabei. Sie sind bereits selbst Spuren menschlicher Aktivität – etwas wurde gedruckt, geklebt, benutzt, vielleicht abgerissen und weggeworfen. Im Bild bekommen diese Fragmente einen neuen Zusammenhang.

Die Strandhütten sind deshalb am Ende zwar noch erkennbar. Das Bild erzählt aber längst nicht mehr nur von Strandhütten.

Wenn Material selbst zur Landschaft wird

Dieses Arbeiten mit Schichten spielt in meinen Landschaftsbildern eine wichtige Rolle.

Ich arbeite nicht ausschließlich mit Farbe, sondern kombiniere Acrylmalerei mit Collage, gedruckten Strukturen und unterschiedlichen Oberflächen. Manche Entscheidungen sind bewusst gesetzt, andere entstehen erst im Prozess.

Mich interessiert, dass nicht jede Schicht am Ende vollständig sichtbar bleiben muss.

Etwas kann übermalt werden und trotzdem eine Wirkung behalten. Papierkanten können sich abzeichnen, Linien wieder verschwinden, eine darunterliegende Struktur kann die nächste Farbschicht verändern.

Vielleicht ähnelt das sogar unserer Wahrnehmung von Landschaft. Auch dort sehen wir nie nur Natur.

Wir sehen Wege, Gebäude und Schiffe, aber ebenso Veränderungen und Spuren früherer Nutzung. Und wir bringen unsere eigenen Erinnerungen an andere Orte mit.

In meiner Serie Drift & Direction verbinde ich deshalb maritime Landschaftsmalerei mit Collage, expressiven Flächen und den klaren perspektivischen Elementen, die auch aus meinen Stadt- und Hafenbildern bekannt sind.

Drift & Direction – maritime Landschaftsmalerei entdecken

Was bleibt vom wirklichen Ort?

Vielleicht ist das für mich inzwischen die spannendere Frage als die, ob ein Landschaftsbild einen Ort möglichst genau wiedergibt.

Landschaft und Wasser sind für mich als Motive nicht neu. Ich habe sie schon früher immer wieder gemalt. Eine Zeit lang sind sie in meiner Arbeit stärker in den Hintergrund getreten.

Als ich mich ihnen erneut zugewandt habe, wollte ich aber nicht einfach dort weitermachen, wo ich früher aufgehört hatte. Inzwischen bringe ich eine andere Bildsprache mit.

Perspektivische Linien, die meinen Stadt- und Hafenbildern Tiefe und Richtung geben, tauchen auch in den Landschaften auf. Expressive Flächen setzen sich gegen diese Ordnung. Schiffe können zu Ankerpunkten in großen offenen Räumen werden. Andere Elemente geben dem Blick kurz Halt und verlieren sich wieder.

Und auch ein konkreter Ausgangsort muss im fertigen Bild nicht erhalten bleiben.

Eine Erinnerung an die Ostsee kann sich mit Strandhütten von der französischen Atlantikküste, Pflanzenformen, einem Stück alten Plakatpapier und einer ganz anderen Beobachtung verbinden.

Vielleicht liegt gerade darin für mich die Freiheit der modernen Landschaftsmalerei.

Sie muss nicht zeigen, wie ein Ort aussieht.

Sie kann zeigen, was von ihm bleibt und wie er sich angefühlt hat.

Und damit führt sie zu einer Frage, die hinter meiner Serie Drift & Direction steht:

Welche Spuren hinterlassen wir in einer Landschaft – und welche Landschaften tragen wir in uns?

→ Die Werke aus Drift & Direction ansehen

Expressive Landschaftsmalerei mit Segelbooten, Küstenlandschaft und Collageelementen, Drift & Direction – Traces Along the Way IV von Nina Groth
Zeitgenössisches Landschaftsbild mit Gräsern, Collageelementen und ferner Skyline, Drift & Direction – Open Ground III von Nina Groth
Zeitgenössisches Landschaftsbild mit Seebrücke, Strand und Horizont, Drift & Direction – Into the Distance II von Nina Groth
Detail aus dem LAndschaftsbild Waymarks I mit Ruderboot, Spiegelungen und Collageelementen
Maritime Landschaftsmalerei mit farbigen Strandhütten, Wasser, Horizont und Collageelementen, Drift & Direction – Holding Ground I von Nina Groth
Detail mit Steg, Häusern, Collageelementen und malerischen Spuren aus Between Departures I
Detail von Open Ground III mit Collageelementen und handgezeichnetem Papierboot
Detail mit Strand, Strandkörben, Strukturmasse, Collageelementen und Neonspuren aus Into the Distance II