„Erkennen“: Hamburg-Skyline von Nina Groth als Teil des Prozesses kultureller Annäherung
Ausstellung,  Kunstpreis,  Kunstwerk,  Projekt

Too good to let go: Projekt für die altonale 2020

Die Corona Pandemie lässt es ruhig im Kunstmarkt werden. Auch viele meiner Ausstellungen und Pläne sind dieses Jahr vorerst über Bord gegangen. In diesem Zusammenhang fand ich den Open Call „Unseen“ von ARTCONNECT eine tolle Idee. ARTCONNECT ruft auf, Projekte zu zeigen, die durch die Corona-Pandemie torpediert, abgesagt oder verschoben wurden. Und sofort habe ich an mein Projekt „Erkennen – Überwinden – Berühren“ gedacht, das ich im Rahmen des Open Calls bei ARTCONNECT eingereicht habe.

Mein Projekt war für den Kunstwettbewerb „Kunst im Schaufenster“ – altonale Kunstpreis 2020 zum Thema Vielfalt gedacht. Die altonale 2020 hätte im Juni dieses Jahres stattfinden sollen. Das Kultur-Festival wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Der Kunstwettbewerb „Kunst im Schaufenster“ ist auf unbestimmte Zeit verschoben.

Ich habe Anfang des Jahres an meinem Konzept für meine Bewerbung bei der altonale gearbeitet. Im Februar habe ich es eingereicht und im März erhielt ich die Zusage, mein Konzept im Rahmen des Wettbewerbs umsetzen zu dürfen. Neben dem Konzept hatte ich auch bereits eine Boutique gefunden, die meine Kunst in ihrem Schaufenster in Hamburg-Ottensen ausstellen wollte – eine weitere Grundbedingung für den Wettbewerb. Da „Kunst im Schaufenster“ noch etwas auf sich warten lassen wird, zeige ich meine Bilder, die zwischenzeitlich fertig sind, nun im Rahmen des Open Calls „Unseen“ und hier auf meiner Website. Too good to let go – wie ich finde…

„Überwinden“: internationale Skyline von Nina Groth als Teil des Prozesses kultureller Annäherung
„Überwinden“: utopische Fantasie-Skyline von Nina Groth als Teil des Prozesses kultureller Annäherung

Meine Konzeptidee zum Thema Vielfalt

Meine drei Arbeiten thematisieren die vielfältigen Möglichkeiten kultureller Identitäten, die miteinander, nebeneinander und leider oft genug auch gegeneinander bestehen sowie den Prozess der Annäherung als eine Antwort auf die in der altonale-Ausschreibung aufgeworfene Frage, wie Verständigung und gegenseitiger Respekt entstehen und gefördert werden können. Dort, wo Menschen durch kulturell geprägten Konformitätszwang das jeweilige So-Sein und das vermeintlich gegenseitige Anders-Sein reflexhaft als bedrohlich erfahren, sind vermittelnde Brücken erforderlich, die eine offene und aufrichtig interessierte Annäherung ermöglichen. Hierzu ist zunächst Selbsterkenntnis und Bildung gefordert. Erst wenn ich mir meiner eigenen Vorurteile bewusst bin, kann ich in einem zweiten Schritt über diese hinauswachsen, offen beobachten und wertungsfrei den mir noch Fremden  in unserer gegenseitigen Konstruktion von kultureller Abgegrenztheit erkennen. Dies ist wiederum Voraussetzung für einen wertschätzenden und respektvollen Umgang und ein teilhabendes und (an)teilnehmendes Miteinander. Mein Kunstwerk soll diese drei Schritte inhaltlich und strukturell transportieren.

Meine Umsetzungsidee für die Bilder

In Städten nehme ich städtebauliche Gegebenheiten als deutlichen Ausdruck kulturell ausgehandelter Identitäten wahr. Identität und Umwelt stehen in Wechselwirkung. Im Selbstverständnis der Menschen erzeugen Stadtsilhouetten bei nicht wenigen Menschen als Repräsentationen von Heimat deutliche Gefühle der Verbundenheit. In zum Klischee gesteigerten Formen von City-Logos erhalten Skylines unmittelbaren Wiedererkennungswert. City-Skylines und Wahrzeichen einer Stadt werden so zum Emblem der eigenen Identität. Dies geht mir zum Beispiel so mit meiner Heimat Hamburg.

Städtebau ist aber niemals reiner kultureller Ausdruck. Er ist ein ästhetisches und symbolisches Sichtbarwerden gesellschaftlicher Übereinkünfte, die den Wandel der Zeit zeigen. Spielräume werden ausgehandelt, Bauwerke und Straßenzüge beispielsweise im Zuge von Zuwanderung neu gestaltet. Im Vorhandenen entstehen Brüche, Brücken und Neuerungen. Somit spielen Verständigung und Vielfalt eine zentrale Rolle in jeder einzelnen Stadt. Verständigung wird auf die eine oder andere Weise der Weg zur Neuerung. Gleichermaßen zeigen City-Skylines global gesehen sehr offenkundig die Gesamtheit der Vielfalt als Momentaufnahme.

Die Ausgestaltung meiner Arbeiten

In drei Bildern mit den Titeln „Erkennen“, „Überwinden“ und „Berühren“zeige ich den Prozess der Aushandlung und Annäherung von kulturellen Identitäten durch die unterschiedliche Darstellung von drei Stadt-Skylines. In meinen Bildern setze ich Textfragmente aus unterschiedlichen Sprachen ein. Das erste Bild stellt mit der Skyline Hamburgs einen eigenen, noch unzureichend reflektierten kulturellen Ausgangspunkt dar. Sprachfragmente erscheinen hier nur in deutscher Sprache. Im zweiten Bild entsteht eine multikulturelle Stadt durch ein reges Nebeneinander unterschiedlicher Versatzstücke internationaler Skylines. Die Textfragmente entstammen gängigen Verkehrssprachen. Im dritten Bild entsteht durch Rekombination und Neuschöpfung eine utopische Fantasie-Skyline; die bisher erkennbaren Grenzen des bisher markant Konturierten haben sich aufgelöst und neu konstruiert. Textfragmente unterschiedlichster Sprachen stehen nicht einzeln, sondern zusammen.

Die zuvor angedeutete Entwicklung einer selbstreflexiven, empathischen und interessierten Haltung als Voraussetzung eines friedlichen und respektvollen Zusammenlebens soll durch gewählte Perspektive und weitere Materialien augenfällig werden. Während die Hamburg-Skyline perspektivisch recht nah wirkt, wirkt die Fantasie-Skyline, die für den letzten Schritt im Prozess der Annäherung steht, auf den Betrachter entfernter.

Weitere Materialien für die finale altonale-Umsetzung im Einsatz

In der finalen Schaufenster-Umsetzung für die altonale werden weitere Materialien eine Rolle spielen: Während das erste Bild durch Spiegelfragmente die Ambivalenz einer sowohl selbstreflexiven als auch selbstreferentiellen Haltung thematisiert, arbeite ich im zweiten Bild mit Glas oder Plexiglas. Hiermit wird die skizzierte interessierte Beobachterhaltung angedeutet, die offen wahrnehmen will und sich dabei eigener Grenzen bewusst ist. Der Betrachter der altonale sieht dabei selbst durch das Schaufenster; er wird so zum bereits am Kultursystem teilnehmenden Beobachter des nicht explizit sichtbaren Beobachters. Sein Bemühen zu erkennen, wird so trotz und wegen der Schaufenstergrenzen zum inhärenten Teil des Kunstwerkes. Das dritte Bild wiederum symbolisiert durch eine stärker betonte Plastizität und Haptik die Berührung der unterschiedlichen Kulturen. Hier erst ist wirklich empathisches und respektvolles Miteinander und echter Kontakt möglich: Die Grenzen der Fantasie-Skyline haben sich neu konstruiert, die bloße Unterschiedlichkeit ist zur bereichernden Vielfalt geworden.

Kommentare deaktiviert für Too good to let go: Projekt für die altonale 2020